Von warmem Rotwein und anderen Katastrophen – Christopher Thums Kolumne

Endlich – Christopher Thums erste Kolumne aus der Reihe Business Style Guide für Gourmets erscheint exklusiv für den Gourmondo GourmetBlog. Der Autor von „Geschäftsessen. Souverän gestalten“ schreibt regelmäßig über die kleinen und großen Fettnäpfchen im Restaurant, beim Geschäftsessen und im kulinarisch-gastronomischen Bereich allgemein. Lesen Sie und amüsieren Sie sich. Das Set zur Kolumne mit Christopher Thums Buch, Rotwein und Crackern gibt es im Shop auf www.gourmondo.de.

Christopher ThumFür Menschen, die auf guten Stil Wert legen und sich gut benehmen wollen, ist das Leben nicht einfach. Was soll man sagen… es legen sich einem des Öfteren, und nicht immer unerwartet, Steine in den Weg.

Wovon rede ich…?
Zur Erklärung ein kleines Beispiel, bei dem Sie sich Ihre eigenen Erlebnisse zu diesem Thema – und ich wette, Sie hatten welche- vor Augen führen können.

Sie sitzen in Ihrem Lieblingsrestaurant, einem guten Restaurant. Vielleicht wollen Sie der in Seide gehüllten Schönen gegenüber am Tisch einen beeindruckenden Abend bieten. (Mit der Schönen ist die Geschichte reizvoller). Am Nebentisch sitzt ein Exemplar der Gattung „Stilfeind“, wahlweise auch „Großkotz“ genannt und ruft folgenden Satz:

„Hee! Ober! Mein Wein is warm“

Der Servicemitarbeiter eilt zum Tisch und sagt mit Blick auf den Wein in eloquentem Ton:

„Das tut mir Leid, mein Herr. Gerne können wir den Wein ein wenig runter kühlen. Wobei ich Sie darauf aufmerksam machen möchte, dass es sich hier um einen 1990er Latour handelt, der bei 18° C seine Qualität am besten entfaltet.“

Sie ahnen, was kommt:

„Mich interessiert nicht, ob der Wein La… irgendwas heißt…Ich will ihn kalt! Schließlich zahle ich Sch… viel Geld dafür und wenn ich sage, dass….“

Den Rest schenken wir uns. Sie haben das Bild ja jetzt vor Augen (und die Dame in Seide…Sie erinnern sich).

Es ist nicht ganz einfach, mit solchen Situationen umzugehen.
Sicherlich fällt Ihr Blick auf den Nebentisch und im Augenblick des Hinsehens wünschen Sie sich, dass Ihre Neugier nicht entdeckt wird. Sie sehen die achtlos beiseite geschobenen Besteckteile, das Handy und den Porscheschlüssel auf dem Tisch, und die Lippen der Begleitung des lauten Herren, die ein Drittel Ihres Gesichts ausmachen. Daraufhin verkneifen Sie es sich, die Dame genauer zu betrachten… Sie wollen ja noch essen. (Die Dame in Seide nicht zu vergessen).

Die Ultima Ratio in dieser Situation ist es, Ihre ganze Kraft auf das Ignorieren des Nebentisches zu richten. Nur… trübt dieses Bemühen nicht die Freude an Ihrem Restaurantbesuch (und an der Dame gegenüber)?

Die Kunst ist es – und damit erzähl ich Ihnen bestimmt nichts Neues – bei den Menschen in Ihrer Umgebung durch Ihr Erscheinen und Ihr Benehmen keine Beeinträchtigung des Wohlbefindens auszulösen.

Wolfgang Joop sagt dazu: „Stil ist eine Verabredung mit der Gesellschaft“  und da hat er Recht. So stolz man auch auf seinen Porsche sein mag, so sehr man sich freut, das neueste Handy sein Eigen zu nennen, so wenig gehören diese Signale auf den Tisch in einem Restaurant. Es beeinträchtigt ganz erheblich das Empfinden der anderen Gäste; und das erst recht, wenn das Superteil auch noch dynamisch läutet und lauthals benutzt wird.

Oft höre ich nach diesem Ratschlag die Aussage: „Was hat denn mein Porsche mit den anderen Gästen zu tun. Is mir doch egal was andere von mir denken.“

Genau…..!
Das ist der Unterschied zwischen „gutem Stil“ und „gar kein Stil“.

Noch ein Beispiel, das Sie kennen werden:
Sicherlich haben Sie es schon erlebt, dass Menschen auf dem Standpunkt stehen:  mich gibt’s nur in Jeans und Pulli. Egal, wo ich hingehe. Dagegen ist ja vielleicht grundsätzlich nichts zu sagen. Für viele andere Menschen geht es bei Anlässen wie z.B. einem Opernbesuch – neben dem Kunstgenuss – aber auch darum, einem gesellschaftlichen Ereignis in angemessener Form beizuwohnen und es mit anderen zu teilen. Einen großen Teil der Qualität dieses Abends tragen also die anderen Menschen bei. Wenn diese nun auch noch angemessen gekleidet sind, leidet keiner und alle haben einen schönen Abend.

Wenn man doch also weiß, dass der Pulli und die Jeans fehl am Platz sind, und man sie trotzdem trägt, zeugt das zwar einerseits von einem ausgeprägten Individualismus, andererseits aber eben auch von bewusster Rücksichtslosigkeit den Mitmenschen gegenüber.

Zurück in Ihr Restaurant (und der Dame in Seide).

Wie retten Sie jetzt die Dinge, die Ihnen  gerade am wichtigsten sind.
Abend, Essen, Stimmung, Dame, Ehre, guten Eindruck.

Sie könnten sich einmischen… Dabei könnte aber die Gefahr bestehen, dass danach Ihr Mund, durch Gewalteinwirkung, ähnliche Formen aufweist wie bei der Dame vom Stilfeind.

Sie könnten ihm  (dem Großkotz) auch eine kalte Cola bestellen und ihm raten, sie mit dem Wein zu mischen…Das macht auch kühleren… na.. nennen wir es ruhig mal „Wein“.

Sie könnten sich auch selbst einen 90iger Latour bestellen und dem Service aufrichtig für die richtige Temperatur danken.

Sie können aber auch das Richtige tun und damit Ihre Souveränität unter Beweis stellen. Denn darum geht es.

Sie können sich vor Ihrem geistigen Auge zurücklehnen und das Wissen genießen, dass ein Château Latour ein 1er Cru aus dem Bordeaux ist, dass 1990 der vielleicht beste Jahrgang des vergangenen Jahrzehnts war und Sie könnten die Dame in Seide damit beeindrucken, dass der Wein aus dem kleinen Ort St. Lambert kommt. An der Grenze zu Saint-Julien, in der Region Médoc, nordwestlich von Bordeaux. Sie könnten ihr sagen, dass dort 75% Cabernet Sauvignon und ca. 20% Merlot angebaut werden, der Rest mit Cabernet Franc und Petit Verdot bepflanzt ist. Wie gesagt, wenn Sie es wissen. Aber es wäre ja auch schon eine „Verabredung mit der Gesellschaft“, mit I h r e r Gesellschaft, davon zu schwärmen, dass die sanften Hügel dieser Region im abendlichen Licht bezaubernd sind und dass ganz in der Nähe eine der größten Sanddünen Europas zu finden ist und dass man in den kleinen Mulden auf dem Kamm mit Blick auf das Meer ganz fantastisch und ungestört picknicken kann. Das alles könnten Sie tun…wenn Sie wollen oder wenn Sie gefragt werden.

Können ist was Tolles … Wissen auch… und guter Stil erst!

Spätestens jetzt haben Sie vergessen, was Sie gestört hat.

Was war das noch gleich… oder wer?

Auf den guten Stil !

Ihr

Christopher Thum

Das Set zur Kolumne mit Christopher Thums Buch, Rotwein und Crackern gibt es im Shop auf www.gourmondo.de.

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